Eine Disco kommt ins Museum

Der Schallplattenbestand des „Sonnensteins“ wird aufgearbeitet


Sonnenstein

 

Ganz vorsichtig entnimmt Tim Schauer eine 7-Zoll-Vinylschallplatte für 45 Umdrehungen pro Minute und 1½-Zoll-Mittelloch, besser bekannt als Single, aus ihrer Hülle. Es handelt sich um „Cruel Summer“ aus dem Jahr 1983, gesungen von der britischen Girlgroup Bananarama. Diese „Scheibe“ und weitere ca. 1.000 Langspielplatten und Singles werden den Historiker bis zum kommenden Sommer beschäftigen.

 

In die Waschanlage

Tim Schauer hat sich für seine Weiterbildungszeit zum „Fachreferenten für Sammlungs-management und Qualitätsstandards in Museen” viel vorgenommen. Er möchte den Plattenbestand des „Steins“ und zweier Schenkungen wissenschaftlich erfassen. Bereits während seines Studiums hat er sich mit dem Thema „Musikalisch geprägte Jugendsubkulturen“ beschäftigt und auch seine Masterarbeit über das Thema geschrieben.  

Zunächst müssen die „Scheiben“ jedoch einzeln in einem Waschgerät mit spezieller Flüssigkeit gereinigt werden - in Handarbeit. Das sieht zunächst ein wenig mühsam aus. Mittels sogenannter Etikettendichtschalen werden die empfindlichen Papieretiketten der „Scheibe“ abgedeckt, damit diese vor der Reinigungsflüssigkeit geschützt sind. In das Mittelloch wird nun eine Steckachse eingesetzt, und diese in die Halterung des Waschgeräts gelegt.

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Darin befindet sich bereits die Reinigungsflüssigkeit, die die Schallplatten säubert und antistatisch bearbeitet. Der Historiker dreht die Single manuell einige Male durch die Flüssigkeit. „Es gibt auch Geräte, die automatisch reinigen und sogar leichte Kratzer beseitigen können. Die liegen preislich jedoch bei 400 bis 500 Euro. Unsere kleine Anlage hat um die 50 Euro gekostet.“, erklärt Tim Schauer. Die Flüssigkeit lässt sich übrigens mehrfach verwenden. Nach einigen Reinigungsvorgängen wird sie durch einen Filter gegossen und anschließend wieder in das Waschgerät eingefüllt. „Cruel Summer“ kommt nun abschließend auf einen Abtropfständer. Nach ca. zehn Minuten ist sie trocken und kann wieder in ihrer Hülle verstaut werden. Zusätzlich kommt eine Klarsichthülle darüber, damit beides nach der Reinigung auch staubfrei bleibt.  

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Wunschliste der Stammgäste

Nun beginnt die Inventarisierungsarbeit: Jede Schallplatte wird fotografiert, in einer Datenbank erfasst und erhält eine Inventarisierungs-Nummer. Neben dem Zustand von Platte und Hülle wird hier jede Besonderheit mit einem Vermerk dokumentiert. Einige Schallplatten sind z.B. mit einem Stempel des „Sonnensteins“ versehen, so auch „Cruel Summer“. Immer wieder gibt es bei dieser Arbeit kleine Überraschungen: Tim Schauer hat bereits in den Hüllen einiger Singles sogenannte Jukebox-Schildchen entdeckt oder die Hit-Wunschliste „der Clique“, welche „Stein“-Stammgäste sich auch immer dahinter verborgen haben mögen.

Der Plattenbestand deckt hauptsächlich die Zeit von den 1970ern bis Mitte der 90er Jahre ab. Es sei viel Disco aus den 70er/80er Jahren dabei und Techno aus den 90er Jahren, erzählt der Historiker. Sensationsfunde, wie beispielsweise Plattenhüllen-Fehldrucke, gab es bisher noch nicht. Vielmehr ist der Bestand aus dem „Stein“ in einem mangelhaften Zustand. Einige der Hüllen sind stark angeschlagen, viele Platten verdreckt. Tim Schauers Ziel am Ende seiner Fortbildung ist es, den Bestand sauber und sortiert in die Depotlagerung zu übergeben. Dort werden die Platten in Kisten verwahrt. Zusätzlich zur digitalen Inventarisierung erhält jede Kiste ein separates Inhaltsverzeichnis. So kann jeder Titel schnell gefunden werden, wenn sich die Discokugel in Cloppenburg gelegentlich wieder drehen wird. Mehrere Kisten mit CDs sind ebenfalls vom „Stein“ in das Zwischendepot gewandert. Diesen Bestand wird sich aber ein anderer Mitarbeiter vornehmen müssen. „Dafür reicht meine Zeit hier leider nicht aus“, sagt Tim Schauer.  

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Vinyl ist wieder gefragt

Übrigens, im Jahr 1984 – ein Jahr nach Veröffentlichung von „Cruel Summer“ – lagen die Verkaufzahlen von LPs in Deutschland bei 71,1 Mio. gegenüber 3 Mio. verkaufter CDs. Zehn Jahre später hatte sich das Verhältnis mehr als umgekehrt: lediglich 0,7 Mio. LPs gingen über den Ladentisch, während sich die CD 166,1 Mio. verkaufte. Die Veränderungen in der Musikindustrie schreiten weiter rasch voran. Die verbesserten digitalen Medienabspielgeräte (Ipods), Smartphones und Tablets der neuesten Generation sowie das Musikstreaming (Übertragung von Musikangeboten zur Wiedergabe auf PC oder mobilen internetfähigen Endgeräten) verdrängen ihrerseits die CD. Im vergangen Jahr lagen die Verkaufzahlen von CDs nur noch bei 74 Mio. Stück. Die LP verkaufte sich 3,1 Mio. mal.
(Alle Zahlen aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Schallplatte) Es scheint, als hätten viele die Liebe zum Vinyl wieder entdeckt. Tim Schauer kann sich davon nicht ausnehmen.
(16.01.18 wt)